Herbert Heinzelmann

Die Les-Arten der Welt –
Gedanken zu den epischen Bildern von Roger Libesch

Was geschieht wirklich zwischen den Bildern? Denn zwischen den Bildern von Roger Libesch geht etwas vor. Manchmal ist das ganz evident. Da gibt es das Bild mit den sehnsüchtig südlichen Tapetenmotiven: den Fischerbooten, den fernen Bergen, den Andeutungen mediterraner Architektur. Es steht für sich, eine Erinnerung, ein Zitat. Freie Kunst reagiert auf angewandte Kunst. Das alles ist vertraut. Dann gibt es aber ein zweites Bild mit den Tapetenmotiven. Vor ihnen flattert eine Taube auf. Zwei Bilder, ein Grundmotiv, eine Veränderung. Möglicherweise ist Zeit vergangen. Möglicherweise ist ein Film weitergelaufen. Oder eine Buchseite wurde umgeschlagen.

In jedem Fall beginnt der Betrachter, die Lücke zwischen den Bildern zu füllen, fängt an, einen Zeitverlauf zu imaginieren, eine Geschichte anzudenken. Er stellt Kontexte her. Bilder im Kontext werden narrativ. Von der Comic-Lektüre kennen wir das. Der Comic-Leser ist zu der intellektuellen Leistung aufgefordert, die Lücke zwischen den Bildern durch Induktion zu schließen, den Leerraum mit Visionen zu ergänzen. Nur so ergeben sich aus einer Folge von Panels Geschichten. Mit seinen 50x70-Formaten fordert Roger Libesch den Kunst-Betrachter zu identischem Verhalten heraus – egal ob er die Bilder im Raum einer Galerie-Wand präsentiert (also in Gleichzeitigkeit) oder im zeitlichen Nacheinander von Buchseiten. Stets macht er den, der seine Arbeiten anschaut, zum Komplizen, verführt ihn in Erzählungen, auch wenn die Motive nicht so offensichtlich aufeinander verweisen wie im Fall des Tapetenmusters. (Das erscheint übrigens auf weiteren Bildern und macht die die Geschichten in ihren vielfältigen Virtualitäten immer komplexer.)

Denn das Projekt »50 mal(t) 70« ist der Entwurf zu einem sowohl bildnerischen wie narrativen Epos über den Zustand der Welt. Die Format-Wahl zielt ja auf die Geschwindigkeit der Herstellung, auf die Bewegung, den Pilger-Pfad von Station zu Station, das Schweifen des sowohl neugierigen wie entsetzten Augen-Blicks, den schnellen Flug der Gedanken, der dennoch in den Moment gebannt ist. Das Format verlangt geradezu nach der Sequenz. Zwar bieten viele der Einzelbilder reiches Augenfutter, erzählen jedes für sich ganze Geschichten und geben dem Betrachter Anstöße zu eigener Kombination und Interpretation der gesetzten Zeichen. Doch in der Fülle des Buches oder der Galerie-Wand beginnen sie sich unweigerlich aufeinander zu beziehen. Plötzlich vereinigen sich der von einer Meermaid an Raffineriebauten vorbei in die Tiefe gezogene Fischer mit der Häuserfront hinter der aufgischtenden See, dem Mann im grünen Abgrund unter den Düsenjägern und den Rolling Stones im rostig vergilbten Unterseeboot zu der Short Story einer drohenden Apokalypse. Die Auswahl der Einzelbilder, die Entscheidung für ihre Reihung wird die Akzente in der Story verschieben, wird neue Varianten generieren. Der »Leser« kann nach Belieben das eine weglassen, das andere hinzuziehen. Der Künstler macht ihm Angebote. Es sind nicht die abstrahierten Ideen der Konzeptkunst, die Roger Libesch produziert. Die Mosaiksteine zu seinem Weltepos sind konkret. Doch vielleicht ist er den Konzeptkünstlern ebenso nah wie dem Reigen der Realisten, Pop-Artisten oder Neuwilden, in den man ihn sonst eher sortiert. Ohne die aktive Mitgestaltung der Adressaten ist die Kunst von Libesch jedenfalls nicht zum Sprechen zu bringen.

Und sprechen will sie. Das belegt nicht nur ihre epische Struktur, darauf verweisen auch die zahllosen Sprachzeichen, die in das Werk integriert sind, kommentierend, irritierend, rätselhaft, befremdend und verfremdend. Sprachmaterial in vielen Klangfarben wird da geliefert. Es tritt in die erzählten Geschichten ein oder es macht ihre Lesart schwieriger. Das wiederholte Wort „Rausch“ auf dem charakteristischen Bogen des Eingangsportals zu Auschwitz versperrt und verstört die rasche Rezeption eines Bildfensters. Freilich, der Rezipient ist frei gesetzt in seine Assoziationsfähigkeit und –bereitschaft. Roger Libesch zwingt ihm die Zeichen nicht auf, auch wenn er sie keineswegs beliebig gestaltet. Er schreibt einen großen Text mit Bildern. Aber die Textur herauszuschmecken, bleibt die Leistung seines Gegenübers.

Der Text des Epos mit dem Titel »50 malt(t) 70« ist nicht vollendet, weil ja die Welt nicht vollendet ist. Jeden Augenblick verdichtet sie sich zu neuen Zeichensystemen, die von Roger Libesch aufgefunden und aufgegriffen werden können, um sie für individuelle Auslegungen frei zu machen. Der Zyklus ist ein work in progress, so wie Zeit überhaupt eine zentrale Konstituente dieser Arbeit ist. Die Zeit, die zwischen den Bildern vergeht und sie so zu Erzählungen verkettet. Es sind Erzählungen über eine Welt die genauso leichtsinnig zu sein scheint wie ängstlich, genauso verspielt wie bedroht, genauso gewalttätig wie märchenhaft.

Roger Libesch hat den signalhaft roten Wimpel seiner Kunst in sie gepflanzt. In einer Folge von drei Bildern berichtet er darüber – entweder darüber, wie der Wimpel aus großer Nähe und damit Bedeutung in der szenischen Totale verschwindet, oder wie er aus dieser Totale in die Bedeutung wächst. Es kommt auf die Reihenfolge der Bildlektüre an, darauf, ob man den Kunst-Film vorwärts oder rückwärts laufen lässt oder den Welt-Comic des Roger Libesch von vorn nach hinten oder von hinten nach vorn durchblättern möchte. Immer hält er bittere Erkenntnisse und überraschende Pointen bereit.