Dr. Andrea Madesta

Rede zur Ausstellungseröffnung
Kunstmuseum Erlangen e.V., 10. November 2002

Als »rausch-bilder-rausch« als Bilderrausch, als Rausch der Bilder hat Roger Libesch diese Ausstellung hier betitelt. Der Titel ist sehr charakteristisch für seine Arbeit. Der Künstler produziert Bilder, schafft Serien ohne Anfang und ohne Ende, in denen er imaginäre Geschichten erfindet, die über eine ganz eigene bildnerische Sprache verfügen und eine eigene Bildwirklichkeit vorstellen.

In ihren großen Formaten, den plakativen Formen und heftigen Farben kommen uns seine Werke gefährlich nahe. Sie sind einfach da, groß und unübersehbar, kraftvoll präsent und ziehen uns in ihren Bann.

Roger Libesch als Schöpfer dieser Bilderwelten, zieht uns förmlich hinein in seine imaginären Räume, setzt überraschende, unvermittelte Blickachsen, überhöht und verzerrt Perspektiven, die uns – gewollt oder nicht – mitten hinein in das Zentrum des Geschehens bringen. Sind wie erst dort einmal gelandet in diesen phantastischen Räumen, brauchen wir Zeit, wir müssen uns erst einmal zurechtfinden. Diese großformatigen Arbeiten konfrontieren uns mit einer Fülle verschiedenster Eindrücke, die erst einmal sortiert werden müssen. Eine Dynamik hält uns in Atem, erzeugt durch die unterschiedlichen Perspektiven, verschärft durch die zum Teil dissonante Farbigkeit. In welcher irrealen Szenerie sind wie hier eigentlich? In der Welt der Comics? Es sind keine wirklichen Menschenbilder zu sehen. Alles überzeichnet, karikiert, aufgeladen. Wir brauchen Zeit. Sciencefiction? Die Figuren müssen erst als solche identifiziert werden, der Raum geprüft, bevor er betreten werden kann. Wo ist vorne, wo hinten, was findet hier statt? Wir sind hineingezogen worden in den Strudel der verschiedensten Eindrücke, in eine dynamische Struktur, die wir erst verstehen müssen, um sie auszuhalten.

Roger Libeschs Bilder müssen im wahrsten Sinne entziffert, d. h. genau betrachtet und studiert werden. Das Auge wird beschäftigt, es tastet sich durch den Bildraum, sucht die Details, die einzelnen Zeichen zu erkennen, den »Code« zu knacken, um zu erkennen, was hier dargestellt wird.

Der Blick des Künstlers, des Autors ist hier maßgeblich. Es ist seine Perspektive von der aus wir die Erzählung wahrnehmen. Sein Blick zwingt sich uns auf. Und er geht nicht gerade zimperlich mit uns um, mutet uns viel zu, indem er uns mit so viel Ungewohntem konfrontiert. Nein, er ist nicht der auktoriale Erzähler, der es gnädig mit uns meint. Der uns eine linear ablaufende Handlung chronologisch, einheitlich und aus sicherer Distanz schildert. Nein er erzählt unter seiner individuellen Perspektive, er übernimmt die Rolle des Ich-Erzählers, zeigt sich manchmal sprunghaft, indem er verschiedene Ebenen übereinander legt. Roger Libesch zieht uns förmlich hinein in die Spirale, in waghalsige Perspektiven, mitten in das Zentrum seiner Schauplätze, die uns so fremd und aus der Sprache der Comics doch irgendwie vertraut erscheinen.  Es ist nicht die Wiedergabe realer Schauplätze, sondern er verschafft uns Zutritt zu seiner ihm eigenen Welt der Phantasie.

Hier sehen wir das Bild Rausch. Zweimal die gleiche Figur und zweimal der gleiche Ort werden im unteren und im oberen Teil des Bildes vorgestellt. Bahnhofsituation, Schienen, Leere. In der Vertikalen wird der Raum rhythmisiert durch die Bäume, die Pappeln, die der Künstler hier setzt. Die Figuren, expressionistisch leuchtend rot, sind von hinten zu sehen. In der Wiederholung wird der Bewegungsablauf ins Bild gebannt, wirkt wie ein zwei Filmstills übereinandergesetzt. Zeit als Kategorie wird spürbar. In der Bildmitte zentral der Mann auf dem Baum platziert. Die Szene von Frau, Mann und Bahnhof wird um eine weitere Ebene ergänzt. Auf dieser dominiert die Hommage an Van Gogh, an den Meister, der so wunderbare Landschaften, Bäume, vor allem Pappeln gemalt hat. Nochmals eine Erzählebene, der Filmstreifen, Counter Strike, auf dem unter Angabe der Zeit, die Geschichte des Malers Van Gogh übersetzt, transformiert in eine aktuelle bildnerische Comicsprache, in der die bekannte Legende mit dem abgeschnittenen Ohr skizziert wird. Der Titel des Bildes »Rausch« thematisiert vieles, den Rausch der Kunst, den der Rausch der Liebe, der Rausch des Geschichtenerzählens, wie im Rausch werden die Ideen auf der Leinwand gebannt, die Farbe dünnflüssig aufgetragen, um dem Tempo des Malers zu folgen.

Schöner Wohnen zusammengesetzt aus vier quadratischen Tafeln. Der Blick von oben führt uns in die leeren Räume, in denen die Figuren fehlen. Was ist hier los? Die Szenen wirken befremdlich, ein leerer Raum, offener Anfang und ein offenes Ende. Dennoch scheint die Situation inhaltlich aufgeladen. Als blicke man in die inneren Räume der abwesenden Figuren, als könne man ein Stück weit an deren Leben partizipieren. Man wird zum Zeugen von oben.

Es sind die zum Teil grellen, immer kräftigen Farben, die innerbildlichen Strukturen, die verzerrten, überlängten Perspektiven, die Raumschluchten, die Auf- und Untersichten die den Blick und die Wahrnehmung des Betrachters leiten und die schnelle, dynamische Malweise, deren Kräfte wir uns nicht entziehen können, wie zum Beispiel in dem Bild

Frühlingsrolle

Mutet etwas bizarr, fast zynisch an. Im unteren Teil dreht sich die Schrift, ein Brief eines Soldaten an eine Frau spiralförmig ins Bild. Im Mittleren Teil des Bildes ist der Asiate zu sehen, der sich gerade in der Frühlingsrolle dreht. All dies findet statt in einer pseudoasiatischen Berglandschaft, bizarre Formen, eindringliche Farben, verzogene Perspektiven, und dennoch scheint die Erzählung stimmig. Fortgesetzt wird diese in der Arbeit neben dem Eingang. Diese trägt den Titel »Frühlingsrolle ½« und führt uns in die alpenländische Berglandschaft, nicht weniger absurd anmutend.

Als Ideenskizzen bezeichnet Roger Libesch alle diese kleinen, quadratischen Formate, die in den beiden kleineren Räumen uns auf Augenhöhe präsentiert sind. Die Vielzahl der kleinen Arbeiten stellt das Spektrum, in dem der Künstler denkt und arbeitet vor. Die Tafeln sind so vielseitig und unterschiedlich in der Ausformulierung. Aber Ihnen allen gemeinsam ist die Technik und das Format, Öl auf quadratischen Holzplatten.

Sie sind gänzlich unterschiedlich entstanden.

Spontan sind sie, diese kleinen Tafeln. Roger Libesch nutzt sie wie eine Kamera, um den Augenblick zu bannen, diesen einzufrieren wie in einem Schnappschuss. Seine Schnappschüsse sind sehr persönlich, sie tragen seine Handschrift. Neben Porträts seiner Familie und Freunde, haben ihn auch andere Vorlagen beschäftigt, wie zum Beispiel Postkarten, alte Familienfotos oder Abbildungen und Werbeembleme, mit denen wir in unserem Alltag konfrontiert werden. Seinen Skizzen fügt er die Schrift bei. Einmal fungiert die Schrift als Schriftbild, als scheinbar inhaltliche Aussage, wenn er einen Zeitungsartikel »abmalt«, um ihn dann mit bedeutungslosen Aussagen zu füllen. Die Aussagen der Worte bewegen sich zwischen Ironie und Pathos in seinen Skizzen.

So zum Beispiel sind direkt vor der Natur im Freien. Über einen längeren Zeitraum hinweg besuchte der Künstler regelmäßig das Waiberle, um die Landschaft aus dem immer gleichen Blickwinkeln zu malen. Hier erinnert sein Vorgehen an die Plein-air-Malerei der Impressionisten.

Dann wieder tritt er als Geschichtenerfinder in Erscheinung, er erfindet Geschichten, die er etwas altmodisch anmutend in schwarz – weiß malt, wie z. B. die Gänsemagd, dass sie uns an bekannte Märchen erinnern, dann gibt er uns den Blick frei auf die Eisenbahn, wobei er das Format sprengt, des dargestellte Objekt aufsplittert, die einzelnen Teile sequentiell in mehreren Bildtafeln szenisch in Wirkung setzt.

Roger Libesch ist ein leidenschaftlicher Maler. Er tritt in seinen Bildern als Geschichtenerzähler in Erscheinung, als einer, der es versteht Situationen und Momente unseres Alltags in seinen phantastischen Erzählungen wirkungsvoll zu inszenieren. Seine Bildausschnitte, seine Blickweisen, seine Farben ziehen uns in ihren Bann, und entführen uns in die Phantasiewelt des Autors, in der Comicfiguren als Stellvertreter für den Menschen in Erscheinung treten. In seiner Malerei ist er flexibel, er besteht auf das Medium, nutzt es und ist so nah an unserem Zeitgeschehen, indem er andere Techniken der Bildwiedergabe suggeriert. Seine kleinen Bilder sehen manchmal aus wie Schnappschüsse, auch die Referenz zu den uns heute umgebenden Medien wird deutlich. Manchmal scheint es als ob wir durch das Auge der Kamera oder des Fotoapparats blicken würden, schnell, spontan wird auf den Auslöser gedrückt.

Die rastlose schnelle Malweise, die vielen Eindrücke, geben die rastlose Arbeitweise des Malers erkennen, der in einer Art von Besessenheit seine Erzählungen an die Welt weitergibt.

Ich möchte mich herzlich beim Künstler für seine Arbeiten bedanken und wünsche ihm und der Ausstellung viel Erfolg, und bei Ihnen, dem Publikum, möchte ich mich herzlich für Ihre Aufmerksamkeit bedanken.