Dr. Annegret Winter

Rede zur Ausstellungseröffnung
Galerie Bernsteinzimmer, 22. Oktober 2006

Roger Libesch ist ein Getriebener: Getrieben ist er eine Vielzahl von disparaten Dingen in seinen Gemälden zu vereinen. Und wenn er - im für seine Verhältnisse - kleinen Format arbeitet, wie in unserer Ausstellung zu sehen, wuchern diese Versatzstücke über einzelne Bilder hinaus und hinein in andere. Erkennbar sind sie Fragmente unserer Welt, aus Straßenbildern, Fernsehen, Zeitungen oder Werbung  entnommen. Diesen vermeintlich sinnvollen Zusammenhang verlassend, wirken sie zwar wie in einem Shortcut erstarrt, doch dabei tätig-emigirierend. Bewegt, unfertig und verspielt kommen sie daher.

Sie erscheinen in irreal-schwankender Topografie, in überzeichneten und waghalsig-wechselnden Perspektiven, ja durch ein besonderes dreidimensionales Sehen wie »um die Ecke gemalt«. Ihre Farbigkeit ist uneindeutig, doppelbödig, 

weil träuend-lauernd und zugleich heiter-naiv.Verwirrende Blickachsen und sich auftürmende Bildsequenzen erzeugen eine atemlose Dynamik, einen Schwindel und Sog, die den Betrachter förmlich in diese Bilder hineinziehen. Er befindet sich im Auge des Sturmes, wird ins Zentrum der Geschichte gezogen, die ihm die Perspektive des Künstlers, seinen Blick auf die Welt aufzwingt.

Aber wovon erzählt Roger Libesch, wenn er so auf die Welt schaut? Die Ablesbarkeit eines tatsächlichen Ereignisses bietet er uns nicht an. Stattdessen machen absurde Kombinationen an sich vertrauter Gegenstände diese fremdartig. Ablesbare Chiffren unserer Wirklichkeit und aufbrechende Klischees konfrontieren, wie er selbst sagt, das  Peinliche mit dem Ernsthaften, das Schöne mit dem Hässlichen, aber vor allem das Inhaltschwangere mit dem Bedeutungslosen. Roger Libesch erzählt vom fröhlichen Treiben jenseits des Sinnes unserer Welten. Unsinn, Widersinn und Hintersinn springen uns an. Apropos Hintersinn: Kann es sein, dass sich in dem, was so chaotisch daher kommt, neue Strukturen, neue Welten formieren?